Freitag, 3. April 2015

Fördern mit der "Hand in der Hosentasche"? Ein offener Brief an die "Großen" - im Sinne der "Kleinen"



Dieser Brief richtet sich an alle Menschen die in irgendeiner Art und Weise mit Kindern zu tun haben.


Liebe Mum&Dads, Großeltern, Pädagogen, Onkels und Tanten sowie Bezugspersonen und generell Menschen aller ART!

Mein Brief kommt von Herzen und soll keinesfalls ein Vorwurf, sondern lediglich (vielleicht) ein kleiner Denkanstoß sein, das eigene (!) Verhalten zu reflektieren - und das Wichtigste: Ich schreibe im Sinne der Kinder.

Es liegt etwas in der Luft....

Ich bin besorgt, aufgrund dass  ihr (über)besorgt seid!

Durch meine Beobachtungen im ganz normalen Alltag stellte und stelle ich immer wieder fest, dass es nach einer gewissen "Überbesorgtheit" und "Stress im Alltag" (außnahmslos seitens der Erwachsenen) "riecht".

Bei manchen von Euch könnte es sein dass der urzeitliche  Beschützerinstinkt sehr stark ausgeprägt ist, was sich meiner Meinung nach als Einschränkung der so wichtigen kindlichen Sinneserfahrungen zu Buche schlägt.

Kinder haben ein Recht auf ganzheitliches Lernen - aber wieviel Raum und Zeit lässt du deinem Kind dafür?


1.Regel: Misch dich nicht in "Kinderkram" ein


Immer und überall müssen wir Erwachsenen dabei sein und uns einmischen. Vor allen noch so nicht erwähnenswerten (die meisten werden im Kopf  der Erwachsenen konstruiert) Gefahren und Verletzungen wollen wir unsere Kinder beschützen.

Barfuß gehen "könnte" zu einem Insektenstich führen, zu schnelles Laufen "könnte" zu einem Sturz führen, auf einem Baum klettern "könnte" eine unsanfte Landung herbei führen. Ein Schlammbad "könnte" krank machen, beim "Balancieren" könnte man stolpern, beim Hantieren mit Werkzeug welches NICHT aus PLASTIK ist "könnte" man sich verletzen, beim Hinunterrollen eines Hanges "könnte" es blaue Flecken geben.

Ein ständiges: "Pass auf!", "Nicht so schnell", "Sei vorsichtig", "Du bist dafür unpassend angezogen", "Nein!!!!!", "Lass das lieber", "Dafür bist du noch zu klein", "Dafür bist du schon zu groß", "Heute nicht, das nächste Mal" (Es wird kein nächstes Mal geben, das weißt du doch genau), "Finger weg"....

Weißt du auch immer alles besser als dein Kind uns sprichst ständig diese und/oder andere "Gefahr- und Verletzungswarnungen" aus? Warum machst du das? Beziehungsweise was willst du damit erreichen? - Kann ich echt nicht nachvollziehen. Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht welche Wirkung ihr mit diesem Verhalten erzielt?
  Ich frage mich: "Wo bleibt das Vertrauen in unsere Kinder?" 

Das vom Mutterschaf unbewusst kreierte eierlegende Wollmilchferkel namens Kind


Wir erwarten allen Ernstes dass diese kleinen Würmer uns voll und ganz bedingungslos vertrauen, was sie auch tun, aber vertrauen wir auch auf ihre Fähig- und Fertigkeiten?

Kinder haben unglaublich viele Fähigkeiten und Fertigkeiten nur sind viele Bezugspersonen darüber unwissend weil sie keine Zeit haben ihr Kind bewusst zu beobachten welches Potential in ihm steckt.

Man beschäftigt sich mit wichtigerem: ZB mit dem subtilen Gedanken: "Wie fördere ich mein Kind?"  im Sinne von täglich verplanten Nachmittagen nach Kindergarten oder Schule damit sich das Kind bestens und in alle Richtungen entwickeln kann. Turn-, Tanz-, Sport-, Sprach, Musik-, Gesangsunterricht....weiß der Geier was es da alles gibt!

Von der Idee her nicht schlecht, es will ja schließlich jeder ein multitaskingfähiges Wunderkind (Eierlegendes Wollmilchferkel?) haben, aber praktisch frage ich mich allen ernstes was dieser oft viell. verzweifelte Versuch der Nachahmung soll?
Weil es die anderen Mütter auch so machen? Na klar, um ein Mitglied der Schafherde zu werden muss man in erster Linie ein Schaf sein.




Fördern mit der Hand in der Hosentasche! 

vs. 

BIG MOTHER is watching you.

 

Fördern ist für mich ein eigentlich überflüssiger Begriff im Zusammenhang mit einem gesunden Kind. Ich verwende ihn äußerst ungern. Es gibt nichts zu "fördern" - Kinder sind immer von sich aus motiviert  - bevor du als  Erwachsener durch deine überflüssige Besserwisserei jegliche Motivation und Kreativität des Kindes zerstörst.

Es ist einfach nicht möglich aus einem unmusikalisch veranlagten Kind einen kleinen Mozart zu machen. Gleich wenig wirst du es  schaffen aus einem bewegungsfaulem Kind einen Teilnehmer für die Olympischen Spiele zu machen. Du brauchst überhaupt nichts "machen (wollen)" aus deinem Kind.
 

Ich sage dir warum.

Als Dipl.Gesundheits- und Krankenschwester bin ich ein großer Fan des psychobiografischen Pflegemodells nach Erwin Böhm. Ich ziehe bewusst Parallelen zur Kindererziehung. Denn auch Kinder sind wie ältere pflegebedürftige Menschen auf bestmögliche individuelle Begleitung angewiesen. Böhm schlägt eine Pflegephilosophie vor, die er als "Pflege mit der Hand in der Hosentasche" bezeichnet - ein Begriff, der ihm nicht nur Freunde eingebracht hat und zu vielen Missverständnissen führt.
Böhm meint aber damit nicht, dass wir die Hände in den Hosentaschen lassen sollen um nichts zu tun (im Sinne eines Nicht-Helfens), sondern dass wir tatsächlich nichts tun, was der Patient noch selbst für sich tun kann. Wir sollen ihn dabei unterstützen, diese Ressourcen der Selbstpflege und Selbstfürsorge wiederzufinden. Bei Kindern würde ich es salopp: "Förderung mit Hand in der Hosentasche" nennen.



Natürlich könnte ich jetzt auch noch auf Montessori verweisen, "Hilf mir es selbst zu tun", allerdings gefällt mir meine Bezeichnung mit der "Hand in der Hosentasche" eindeutig besser.

Vor allem weil es ja viel viel schwieriger für euch ist "sich nicht einzumischen", "einmal nicht seinen Senf dazu zu geben" oder "das Kind nicht (in beschützerischem Instikt) ununterbrochen zu umkreisen a la Big Mother is watching you!

Lass im Alltag mit dem Kind die "Hand in der Hosentasche!"


Du willst dein Kind in der Entwicklung unterstützen? Du findest Fein- und Grobmotorik sind ein wichtiger Bestandteil der frühkindlichen Entwicklung? Wenn du in diese Richtung etwas beitragen willst dann nimm dich selbst an der Nase und vergiss nicht im "Alltagsstress" auf die einfachsten "Förder"-Möglichkeiten.

 Wie oft bleibt in der Früh Zeit , dass sich die Kinder selbst anziehen dürfen? Wer richtet ihnen den Kakao und schmiert das Jausenbrot? Wer sperrt die Wohnungstür zu?

Geh weg vom Gedanken in welchen Förder- und Entwicklungskurs du dein Kind "stecken" musst.
Geh hin zu dem Gedanken wie du dein Kind im Alltag mit einfachsten Mitteln, mit der Hand in der Hosentasche, mit wertschätzend engegengebrachtem Vertrauen in die Fähigkeiten deines Kindes unterstützen darfst. 


Im Prinzip durch deinerseitigem "nichts tun", dem Kind "tun lassen" und auch die Zeit dafür geben. Sei geduldig - darin liegt die Herausforderung.



Bewusste Zurückhaltung bewirkt Großartiges auf beiden Seiten 


Ich glaube es ist sehr wichtig, den Kindern Freiraum für eigene Entdeckungen zu lassen und ihnen die Möglichkeit sowie die Zeit zu geben, eigene Erfahrungen zu sammeln. Sie können Ressourcen nur bilden bzw. stärken wenn  

WIR ERWACHSENEN UNS BEWUSST IN SITUATIONEN "ZURÜCKHALTEN" und die wichtige Position des Beobachters einnehmen.


Ich glaube nur durch Beobachtung können wir in die Tiefe des Wesens unserer Kinder eintauchen und Stärken und Schwächen in der Wahrnehmung unserer Kinder frühzeitig erkennen. Nur durch Beobachtung dürfen wir die Kinder als eigenständige, selbstbestimmende, sozial handelnde Wesen erfahren. Und nur durch Beobachtung werden wir unsere Kinder auf ganz andere Weise erleben und viele Dinge an ihnen beobachten welche uns zum Staunen bringen.

Somit Appell an Euch: Hand in die Hosentasche und zurücklehnen beim Erziehen!!






Wir sollten viel viel viel mehr auf die Entwicklungskräfte der Kinder vertrauen und ihre Eingenständigkeit schätzen.

Ständige Anleitungen für alles zu geben und alles selber zu erledigen wenn es nicht schnell genug geht um dadurch nur noch mehr Druck auf die heranwachsende  Generation auszuüben kann meiner Meinung nicht das Erziehungsziel des 21. Jahrhunderts sein.



 "Kinder wollen nicht auf das Leben vorbereitet werden, sie wollen leben."
Zitat aus Ekkehard von Braunmühl: Zeit für Kinder 

Ich wünsche Euch eine schöne Osterzeit,

Eure Lisa 


Weiterführende Links:

Montessoripädagogik
http://de.wikipedia.org/wiki/Montessorip%C3%A4dagogik

Emi Pikler Pädagogik
http://www.elternwissen.com/erziehung-entwicklung/erziehung-tipps/art/tipp/kleinkindpaedagogik-nach-emmi-pikler.html






Keine Kommentare:

Kommentar posten